Lernstunde

1.78. So viel kostet hier in Zollikofen ein Liter Bleifrei 95 gerade. Ich habe Ende Februar zum letzten Mal den Tank voll gemacht, da war der Preis an der gleichen Tankstelle noch bei 1.54. Das macht dann satte 24 Rappen Teuerung innerhalb eines guten Monats. Der Grund liegt natürlich auf der Hand und ist auch allen klar. Und die Stimmung in den USA schlägt aktuell gerade etwas um, den Öl ist dort relativ (eigentlich sehr) günstig zu haben. Und aufgrund nahezu fehlender Umweltabgaben, schlägt eine Preissteigerung dort viel stärker durch, als beispielsweise in der Schweiz. Deutschland hat beispielsweise diese Umweltabgaben temporär gesenkt, um zumindest eine gewisse Preisstabilität sicherstellen zu können. Denn der Tank-Tourismus an der Grenze blüht wieder so richtig auf. Die Amerikaner hätten es ja eigentlich ebenfalls in der Hand, als fünftgrösstes Exportland von Erdöl haben sie eigentlich selber genug davon. Man könnte ja also im eigenen Land dafür sorgen, dass Benzin nicht teurer wird. Aber eben - man will ja die Situation ausnutzen und den eigenen Unternehmensgewinn maximieren....
Die Treibstoffpreise sind allerdings nur eine kleine Facette des ganzen Blumenstrausses. Gas ist ein weiteres Thema, und Qatar - mit 20% der Flüssiggas-Produktion nicht unbedeutend - exportiert aktuell gar nichts davon. Auch hier spielen Angebot und Nachfrage, die Energiekonzerne können einen satten Gewinn einstreichen (zumindest jene, die unverändert und zum gleichen Preis produzieren können). Natürlich wird auch der Transport teurer, sofern er nicht über Pipelines erfolgt. Aber die Produktion eben nicht, insofern ist dieser Krieg durchaus im Interesse von solchen Unternehmen. Des einen Leid ist des anderen Freud, um es mal so auszudrücken.
Und dann gibt es noch den Teil der ölverarbeitenden Industrie. Öl wird ja nicht nur verbrannt, nein, es ist auch in unzähligen anderen Produkten des täglichen Lebens enthalten. Es muss davon ausgegangen werden, dass solche Produkte teurer werden, und damit eigentlich unser aller Leben. Dauert der Krieg länger an, dann muss davon ausgegangen werden, dass die Wirtschaft massiv ins Stocken kommt: wird alles teurer, wird weniger konsumiert, weniger produziert, und es gehen Arbeitsplätze verloren. Das will eigentlich fast niemand. Das will China nicht, sie sind auf ein Mindestmass an Wirtschaftswachstum angewiesen. Das wollen die Golfstaaten nicht, denn sie leiden zuallererst in der Kette - sie sind stark auf Ölexporte und Tourismus angewiesen, beides funktioniert aktuell überhaupt nicht. Und das will vor allem Donald Trump nicht. Er wird diesen Krieg - für Amerika - bald beenden. Meiner Meinung nach sucht er bereits einen Ausweg, ohne sein Gesicht zu verlieren. Ob die Israelis dann auch aufhören, ist ungewiss. Ob sich im Iran etwas verändert, ist hingegen klar: die nachgerückte Führungsgarde ist extremer als die letzte, zudem uneins. Es wird mit Sicherheit zu Machtkämpfen kommen, vermutlich sind die schon am Schwelen, und nur der Krieg eint diese Kräfte noch einigermassen. Vielleicht - die Hoffnung stirbt zuletzt - gibt es auch Platz für etwas ganz Neues, weniger extremistisches. 
Irgendwann werden wir es wissen. Aktuell wird uns gerade praxisnah vorgeführt, wie die Weltwirtschaft funktioniert. Eine Lernstunde in der Geschichte der Erde.

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